200 Unternehmer aus der Region diskutieren über Resilienz

Moderator Rolf Benzmann (r.) bedankt sich bei den Rednern. Eingeladen hatte Unternehmerin Anne Schmieder (4.v.l., neben IHK-Präsident Martin Buck). (Foto: oh)

 

Der vierte Unternehmerabend in Friedrichshafen stand unter dem Titel „Resilienz in stürmischen Zeiten“. Am Ende kamen hochkarätige Entscheider aus der Wirtschaft zu der Erkenntnis: Nicht die Krise ist das Problem – sondern die Illusion, dass sie irgendwann vorbei ist.

Resilienz ist eines dieser Worte, das derzeit inflationär gebraucht wird. In Sonntagsreden, Strategiepapieren, LinkedIn-Posts. Doch was davon trägt wirklich – und was ist bloße Rhetorik?

Genau diese Frage stand im Zentrum des 4. Unternehmerabends im Dornier Museum Friedrichshafen, veranstaltet von Unternehmerin Anne Schmieder (Schmieder KKM GmbH).

Viele Führungskräfte

Als Referenten waren dabei: Martin Buck (CEO ifm group und IHK-Präsident), Dr. Harald Kräwinkel (MIT-Mittelstand), Patricia Jabs (VdU - Verband der Unternehmerinnen) und Teilnehmer des Wirtschaftsrates. Geladen waren Unternehmer, Führungskräfte und politische Entscheider aus der Region Bodensee-Oberschwaben.

IHK-Präsident Martin Buck sagt: „Jeder zweite Euro wird im Export erwirtschaftet.“ (Foto: oh)

Moderiert wurde der Abend von Rolf Benzmann, Gastgeber der TV-Sendung Chefsache, der die Diskussion bewusst nicht als Wohlfühlrunde anlegte, sondern als wirtschaftsjournalistischen Realitätscheck: Resilienz nicht als Durchhalteparole, sondern als Führungsfähigkeit, Systemfrage und Werteentscheidung.

Eine Region mit industrieller DNA – und globalem Gegenwind

Zum Auftakt zeichnete IHK-Präsident Buck ein differenziertes Bild der Region. Bodensee-Oberschwaben sei industriell stark, breit diversifiziert und historisch widerstandsfähig. „Jeder zweite Euro wird im Export erwirtschaftet“, sagte Buck. Doch genau dort tobe inzwischen ein globaler Machtkampf – mit Zöllen, Subventionen, geopolitischen Konflikten und wachsender Unsicherheit.

Resilienz entstehe nicht zufällig, so Buck, sondern sei das Ergebnis von Innovation, Diversifizierung und Internationalisierung. Buck: „Wer nur über den Preis konkurriert, verliert. Wer innovativ ist, bleibt handlungsfähig.“ Der Flughafen Friedrichshafen sei daher wichtig für die Wirtschaftsregion. Buck appellierte an die Unternehmer, den Flughafen zu nutzen.

Resilienz beginnt bei der Haltung

Wie sich diese Handlungsfähigkeit im Alltag anfühlt, beschrieb Alexa Hüni, geschäftsführende Gesellschafterin des Familienunternehmens HÜNI + CO. Ihr Unternehmen existiert seit 1859 – sechs Generationen Unternehmertum, Weltkriege, Pandemien, Strukturbrüche.

„Resilienz ist für mich keine Durchhalteparole“, sagte Hüni. „Sie ist eine innere Haltung.“ Entscheidend sei die Fähigkeit, sich immer wieder neu auszurichten, ohne die Balance zu verlieren. Die Parallele zum Leistungssport zog sich durch den Abend: „Man kann den besten Plan haben – ab Kilometer 30 kommt es trotzdem anders. Dann entscheidet der innere Kompass.“

Moderator Rolf Benzmann (l.) stellt ernste Fragen. (Foto: oh)

Kalendersprüche, so Hüni, helfen nicht weiter. „Es braucht Tiefgang – und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und dem Unternehmen.“

Systeme schlagen Aktionismus

Analytisch argumentierte Konrad Krafft, Mitgründer und Geschäftsführer von doubleSlash. Für ihn sei Resilienz vor allem eine Systemfrage: „Mehr Arbeit macht nicht resilient. Vorbereitung macht resilient.“

Cyberangriffe, technologische Disruptionen, KI – all das sei keine Ausnahme mehr, sondern Dauerzustand. Krafft berichtete von regelmäßigen Angriffen auf das eigene Unternehmen. „Resilienz heißt, Türen zu haben – und sie abzuschließen.“

Sein Rat an den Mittelstand: strukturiertes Risikomanagement. „Eine Excel-Liste reicht oft schon. Wichtig ist, Risiken regelmäßig zu benennen, Eintrittswahrscheinlichkeiten zu bewerten und bewusst zu entscheiden, was man trägt – und was nicht.“

Loslassen als Führungsleistung

Dass Resilienz auch bedeutet, sich von Geschäftsmodellen zu trennen, machte Sven Schulz, Unternehmer und Investor der Schulz Group, deutlich. Schulz hat Unternehmen aufgebaut, erfolgreich verkauft, wie die börsennotierte Akasol, aber auch geschlossen, wie den Engineering-Bereich am Standort Ravensburg.

„Resilienz ist ein bewegliches Ziel“, sagte Schulz. Märkte verändern sich, Risiken verschieben sich. Entscheidend sei ein kontinuierlicher Strategieprozess – und die Bereitschaft, Realität anzuerkennen. „Ich habe teure Fehler gemacht. Aber genau daraus lernt man.“

Bemerkenswert: Schulz berichtete, wie viel Verständnis Mitarbeiter zeigen, wenn Entscheidungen transparent und integer getroffen werden. „Integrität heißt auch, ehrlich zu sagen: Wir haben alles versucht – aber jetzt ist ein Schlussstrich notwendig.“

Ohne Integrität keine Resilienz

Diesen Gedanken griff Silke Wolf, Vice President Human Rights and Projects bei ZF, auf. Ihre These: „Ohne Integrität keine Resilienz.“

Resilienz entstehe nicht allein durch Sparprogramme oder Personalabbau, sondern durch eine Balance aus wirtschaftlicher Disziplin und gelebten Werten wie Vertrauen, Transparenz und Glaubwürdigkeit. „Mitarbeitende bleiben, wenn sie glauben. Und sie glauben, wenn Führung integer handelt.“

ZF setze heute auf umfassendes Risikomanagement: Heatmaps, Taskforces, KI-gestützte Frühwarnsysteme für Lieferketten-, Compliance- und Menschenrechtsrisiken. „Wir leben in einer Welt permanenter Ausnahmesituationen. Darauf müssen Strukturen vorbereitet sein.“

Europa: Potenzial oder Problemzone?

In der Diskussion wurde der Blick weiter. Insolvenzzahlen steigen, Geschäftsmodelle geraten unter Druck. Gleichzeitig locken Standorte außerhalb Europas mit niedrigen Energiepreisen und Steuervorteilen.

Doch sowohl Schulz als auch Wolf widersprachen der These, Europa sei abgeschrieben. „Europa bietet Verlässlichkeit“, sagte Schulz. „Und das ist langfristig ein Standortvorteil.“ Wolf ergänzte: „Viele unterschätzen die Risiken in vermeintlich günstigen Märkten – von politischer Volatilität bis Korruption.“

Politik unter Zugzwang

In der abschließenden politischen Runde reflektierten die Bundestagsabgeordneten Volker Mayer-Lay und Axel Müller die Diskussion. Resilienz sei nicht nur unternehmerische Aufgabe, sondern auch staatliche. Verteidigungsfähigkeit, Infrastruktur, Handelsabkommen – all das gehöre dazu.

Quelle: https://www.schwaebische.de/regional/bodensee/friedrichshafen/200-unternehmer-aus-der-region-diskutieren-ueber-resilienz-4348578

 
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4. UNTERNEHMERABEND DIENSTAG, 3. FEBRUAR 2026